Decke aus Wolken

Eine Decke aus Wolken

Sie versuchte sich vorzustellen, wie ein kleines Stück von diesem endlosen, leuchtenden Blau am Himmel mitten in ihrem kleinen Herz sitzt. Es war wirklich verdammt weit weg, dachte sie bei sich. So sehr sie sich auch anstrengte, es war ihr ein Rätsel, wie von so hoch oben etwas in ihr Herz gelangen konnte. „Wie soll denn eigentlich ein Stück von da ganz oben hier nach unten in mein Herz gewandert sein?“ Slomo schnupperte bedächtig an einem Grashalm und sagte: „Der Himmel ist deswegen weit weg, weil er unendlich ist, und dafür haben wir hier unten einfach keinen Platz, ist doch logisch, oder?“ Das war wieder eine dieser Antworten, die Lisa mittlerweile schon an Slomo liebte. Es war einfach logisch, und sie fragte sich, wieso sie nicht längst selber darauf gekommen war. „Wenn etwas unendlich ist, kann ich es nicht eingrenzen oder anfassen, richtig? In dem Moment, wo ich es anfassen kann, ist es endlich?“ „Ja, genau!“ Slomo hatte wieder ihr breites, liebevolles Grinsen im Gesicht und hüpfte auf Lisas Schoß. „Die Angelegenheit mit der Unendlichkeit ist ein wenig kompliziert, weil man sich die Unendlichkeit nicht bildlich vorstellen kann, aber du schaffst das schon!“ Lisa seufzte tief, war innerlich aber voller Zuversicht, dass Slomo auch dafür eine gute Erklärung haben würde. „Schau mal, Lisa, du kannst den Himmel ja sehen, er ist knallblau, wenn sich keine Wolken davorschieben.

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Du kannst ihn aber nicht anfassen, weil du ihn nicht eingrenzen kannst, weil er ja keinen Anfang und kein Ende hat. Trotzdem ist er da, sonst würdest du ihn ja nicht sehen, richtig?“ Slomos Bauch grummelte leise, sie hatte vom vielen Nachdenken langsam Hunger bekommen. Schnurstracks marschierte sie in Richtung Keksvorrat, schob mit der Pfote einen Keks aus der Box und biss ein großes Stückchen davon ab. Lisas Gedanken schossen in ihrem kleinen Kopf kreuz und quer wie ein wildgewordener Flummi. Nach einer kurzen Pause fragte sie: „Meinst du deswegen vielleicht, dass der Himmel und die Liebe fast das gleiche sind, weil die Liebe auch kein Ende hat und sich nicht einfangen lässt?“ „Ja genau, das hat sie mit dem Himmel gemeinsam“, sagte Slomo und schob sich den Rest von dem Keks quer in den Mund. „Die Liebe ist unendlich und lässt sich nicht eingrenzen.“ Die beiden schwiegen eine Weile, beobachteten den Himmel und lauschten dem Gesumme der Bienen, untermalt von Slomos genussvollem Kauen.

Es schien sich zuzuziehen. Plötzlich tauchten von allen Seiten kleine, graue Wolken auf. Zielstrebig schoben sie sich ineinander, formierten sich dicht an dicht zu einer großen, dunkelgrauen Wolkenfront, und in Windeseile war kaum noch ein blauer Himmelszipfel zu sehen. „Jetzt ist der Himmel weg, genauso wie meine Freundin weg ist“, dachte Lisa laut. „Es sind nur noch graue Wolken zu sehen. So schaut es auch in meinem Herzen aus, grau und traurig.“

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Slomo wälzte sich auf den Rücken, so dass sie die Wolken genau im Blick hatte „Du hast recht, Lisa. Der Himmel ist jetzt zwar nicht mehr zu sehen, aber trotzdem ist er immer noch an seinem Platz da oben – genau dort, wo er vor fünf Minuten war und wo er übrigens immer ist. Die Sache ist die, wenn sich graue Wolken davor schieben, dann schweben die Wolken zwischen dir und dem Himmel. Wenn du dann nach oben schaust, siehst du nichts als graue Wolken. Kein noch so kleines Stück vom Himmel – und trotzdem ist der Himmel hinter den Wolken immer noch da!“

Lisa schüttelte ungläubig den Kopf. „Das verstehe ich nicht. Wie kann etwas da sein, obwohl es weg ist?“

Kapitel 5 / Trotzdem da