Der Hoffnungsschimmer

Slomo robbte so nah an Lisa heran, wie sie nur konnte. In Gedanken versunken murmelte Lisa: „Wenn einer stirbt, dann ist er weg, nicht mehr da, verschwunden auf immer und ewig.“ Und dann rief sie in einer Mischung aus Hilflosigkeit und Wut: „Und meine Freundin ist gestorben! Einfach tot! Sie wird nie wieder zurückkommen. Und das Schlimmste ist: Ich kann nichts tun, was sie wieder lebendig macht.“ Lisa war jetzt völlig aufgelöst. „Ich würde alles dafür tun, aber es gibt nichts, was ich machen könnte.“ Ihre Stimme wurde wieder ganz leise. Slomo musste sich richtig anstrengen, um sie zu verstehen. „Ich kann nicht essen, denn ich habe diesen dicken Kloß im Hals. Am liebsten möchte ich auch tot sein, so leer fühle ich mich ohne meine Freundin.“ Slomo schwieg und wartete drauf, dass Lisa sich allen Kummer von der Seele sprach . „Ich hab an nichts mehr Spaß, mein Herz tut sehr weh, wie zugeschnürt!“ In Slomos Blick mischten sich erste Zweifel. „Zwar sind alle ganz besonders lieb zu mir,“ seufzte Lisa, „aber in mir drin ist es dunkel.“

hoffnungsschimmer03In ihrem Kopf sausten noch mehr Erinnerungen durcheinander. Sie sah direkt vor ihren Augen, wie viel Spaß sie mit ihrer Freundin gehabt hatte, wie sie sich von ihrem letzten 50 Cent ein Eis gekauft hatten, das zu Boden fiel, und wie sie sich lachend in die Arme nahmen und ihre Freundin meinte: „Macht doch nichts, da freuen sich die Spatzen!“ Auch fühlte sie jetzt, als sie sich an all das erinnerte, wie mutig sie beide zusammen gewesen waren. Wieso musste gerade sie sterben? Lisa konnte diese Gedanken partout nicht loswerden.

Slomo krabbelte vorsichtig auf Lisas Schoß und setzte sich auf das gepunktete Taschentuch, bis beide fast auf Augenhöhe waren. Sie drückte ihre kleine kalte Hundenase ganz dicht an Lisas Nase und sagte mit sanfter Stimme: „Ich glaube, ich kann dir helfen.“ Lisa sah Slomo fragend an: „Wie denn, Slomo? Du kannst sie auch nicht wieder lebendig machen.“ Lisa schaute nach oben. „Wenn einer tot ist, dann ist er im Himmel, und der Himmel ist ganz weit weg.“ Sie streckte den rechten Arm nach oben und deutete mit dem Zeigefinger in die endlose Weite. „Sieh nur, da oben, das Blaue über den Wolken, so hoch kannst Du nie springen.“ Sie stand auf, so dass Slomo einen kleinen Satz ins weiche Gras machen musste, um nicht umgeworfen zu werden, und reckte beide Arme in den Himmel. „So hoch ist auch keine Leiter. Es gibt kein Flugzeug dahin, selbst eine Rakete würde uns nichts nutzen. Es ist ja noch hinter den Wolken und die sind schon ziemlich weit weg.“ Slomo schaute nach oben, dann nach unten und wieder nach oben.

hoffnungsschimmer01Es hatte den Anschein, als wenn sie rechnen würde. Nach einer Weile sagte sie mit derselben sanften Stimme: „Jetzt hör mal genau zu, mein Liebling! Die Sache ist die: Jeder von uns trägt ein kleines Stück vom Himmel im Herzen. Wenn du denkst, da oben ist der Himmel und hier unten bist du, hast du natürlich Recht. Die beiden Orte liegen schließlich ziemlich weit auseinander, aber trotz der riesigen Entfernung gibt es eine Verbindung von uns hier unten nach da oben.“ Slomo kontrollierte mit einem kurzen Blick, ob Lisa ihren Worten folgte. „Man braucht keine Rakete, um da hoch zu fliegen. Im Übrigen ist eine Rakete oder ein Ufo viel zu gefährlich und zu schnell zum Ein- und Aussteigen.“

hoffnungsschimmer02Slomo wurde schon bei der bloßen Vorstellung schwindelig. „Es gibt eine viel bessere Verbindung als ein Ufo oder ein Flugzeug und man hat null Probleme mit dem Ein- und Aussteigen.“ Lisa verdrehte ungläubig die Augen. „Du hast wohl zu lange im Gras gelegen und an komischen Kräutern geschnuppert, wie! Wer soll das denn glauben?“ Obwohl Lisa nicht die leiseste Ahnung hatte, was Slomo meinen könnte, spürte sie dennoch eine angenehme Wärme in sich aufsteigen. Und dann war da etwas in Slomos Stimme und in ihrem Blick, das so etwas auszudrücken schien wie „Das glaubst du nicht? Kann ich dir beweisen!“ Lisa wurde neugierig. Slomo kuschelte sich ganz eng an Lisa, sie wusste nur allzu gut, wie verzweifelt sich Lisa fühlen musste. Und sie spürte, wie sehr sich das tapfere kleine Mädchen anstrengte, um nicht die ganze Zeit zu weinen. „Ich bin ja nicht die Schnellste, aber ich habe lange im Gras gelegen, vielen Wolken beim Tanzen zugesehen und mich dabei mit dem Himmel unterhalten, bis ich etwas rausgefunden hab‘.“ Slomo blickte Lisa fest in die Augen. „Kein Lebewesen, das man liebt, kann ganz und gar verschwinden!“ Slomo richtete ihren Blick wieder gen Himmel. Auch Lisa schaute konzentriert nach oben, um irgendetwas zu entdecken, was ihr zeigte, dass Slomo Recht haben könnte.

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Im Religionsunterricht hatte sie schon mal von Engeln gehört, und in Erdkunde hatte die Lehrerin mal eine Fata Morgana erklärt. Aber davon, dass Menschen nicht endgültig verschwinden, wenn sie sterben, hatte sie nie zuvor gehört. Slomo bemerkte ihre Unsicherheit. „Du schaust aus, als würdest du denken, ich würde total spinnen!“ „Genau das denke ich“, erwiederte Lisa trotzig. Slomo blieb gelassen. „Das macht nichts, das gibt sich wieder.“ Auf einmal war Slomo hellwach und sprang mit einem großen Satz von Lisas Schoss auf die Wiese. „Du bist ziemlich schlau, Lisa, aber du denkst nicht wie ich. Das kannst du auch gar nicht, weil du ja noch nicht so lange im Gras gelegen hast wie ich. Und deswegen konntest du dich noch nicht mit dem Himmel unterhalten. Also gib mir eine Chance, dir zu erzählen, was ich herausgefunden habe. Du kannst dabei nicht verlieren – aber viel gewinnen, nämlich dass es dir besser geht. Vorausgesetzt, Du hörst mir zu!“

Man konnte regelrecht sehen, wie es in Lisas kleinem Kopf arbeitete. Sie schielte noch einmal zum Himmel, um ganz sicher zu gehen, dass sie auch nichts übersehen hatte. Aber da war nichts. Slomo räusperte sich. „Schau mal Liebes, du magst nichts mehr essen. Nicht mal mehr Pfannkuchen, die du sonst mindestens einmal pro Woche selber gebacken hast. Du hast keine Lust mehr, mit deinen Freunden zu spielen. Du hast zu nichts Lust. Egal, was Du anstellst, diese doofe Traurigkeit verschwindet einfach nicht. Du fühlst dich leer, dein Herz tut weh, und der dicke Kloß im Hals wird auch nicht kleiner. Sei ehrlich, Lisa!“ Slomo setzte sich auf ihre kurzen Hinterbeine. „Schlimmer kann es doch nicht mehr werden, oder?“

Es war dieser Blick, bei dem man Hunden nichts abschlagen konnte und Lisa hörte sich sagen: „Okay, du hast recht, bei diesem Hundeblick kann ich dir nichts abschlagen.“ Sie seufzte tief. Ihr war das alles ein bisschen viel, gleichzeitig musste sie aber über Slomo schmunzeln. Dieser drollige Hund war wirklich etwas Besonderes. Er strahlte eine solche Warmherzigkeit aus, dass sie wie verzaubert war und es ihr spürbar leichter ums Herz wurde. Ihre komische Art, die Welt zu betrachten, wenn sie von den Himmelsraketen erzählte, gaben ihr eine wundersame Leichtigkeit. Sie legte den Arm um Slomo und sagte: „Ich bin zwar nach wie vor skeptisch, aber dein Vorschlag, mir zu helfen, tut mir jetzt schon gut.“ Sie drückte Slomo fest an sich „Wie machst du das bloss?“ Dann flüsterte sie, so als wenn sie ein Geheimnis teilte: „Es wäre wunderbar, wenn der Kloß aus meinem Hals verschwinden würde. Der macht mir echt zu schaffen.“ „Das haben wir bald, wart´s ab!“ Slomo stupste Lisas Hand sanft an und verschwand in ihrem Baumstamm. Als sie wieder heraus spaziert kam, hatte sie ihre Decke und ihre Frühstücksbox mit Butterkeksen dabei. “Komm, wir machen es uns bequem!“

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Lisa staunte nicht schlecht. „Wo hast du denn die Sachen her?“ „Tja, das ist noch lange nicht alles, was ich auf Lager habe“, sagte Slomo und rollte sich rücklings auf die Decke.  Aus ihrer Verwirrung über alles, was um sie herum passierte, tat sie es Slomo gleich, ließ sich auf die Decke plumpsen, streckte ihre Füße aus und war gespannt, was Slomo alles auf Lager haben würde.

Kapitel 3 / Himmel im Herzen