Im Zeitlupentempo

Hoffnungsschimmer in Zeitlupe

Slomo war anders, ganz anders. Schon der Name spiegelte den Kern ihres Wesens wider. Slomo – das war die Kurzform für Slow-Motion, zu Deutsch „Zeitlupe“. Aber weil eben niemand seinen Hund „Zeitlupe“ nennen würde, hieß sie einfach nur Slomo. Sie liebte es, in ihrem ganz eigenen Tempo über die Felder und Wiesen zu tippeln und sich so oft es ging ins weiche Gras plumpsen zu lassen. Ihre Lieblingsfarbe war Lila, und so hatten es ihr ganz besonders die Heidebüsche angetan, zwischen denen sie für ihr Legen gern abtauchte und sich dabei sanft den Rücken von Tannenzweigen streicheln zu lassen.

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Während sie einfach nur da stand und das Leben in vollen Zügen genoss, sah sie den Wolken am Himmel zu. Dank Ihres sanften Wesens und ihres großen Herzens konnte sie dabei vieles wahrnehmen, was andere nie entdeckt hätten.

Besonderen Spaß machte es ihr, sich in den verschiedenen Wolkenformationen Figuren vorzustellen: eine Prinzessin, eine Brücke, ein Pferd, eine Burg – Slomo konnte sehen, wie die Wolken sich verformten und zu märchenhaften Gestalten wurden, wie sie ihre Farben wechselten, wenn die Sonne dahinter zum Vorschein kam, und wie sie sanft hin und her tanzten. Ihre Phantasie kannte keine Grenzen – eine Folge ihrer großen Liebe zur Natur und ihrer ganz besonderen Beobachtungsgabe.

Es war ein warmer, goldener Herbstabend, als Slomo beschloss, wieder einmal zu ihrem Lieblingsplatz zu schlendern. Klug, wie sie war, hatte sie vor Ort in einem hohlen Baumstamm ein paar Utensilien gebunkert, die es ihr problemlos möglich machten, sich den ganzen Tag lang in aller Gemütlichkeit dort aufzuhalten. Dazu zählte eine halbe Packung Kekse, die sie in ihrer blauen Frühstücksbox bunkerte, eine Kuscheldecke für frische Tage, ein alter, schon angenagter Knochen, wie er schöner nicht riechen konnte, und eine Wasserflasche. Etwas weiter ab tobten ihre Freunde – die bunte Hundetruppe aus der Nachbarschaft und die dazugehörigen Kinder. Laut bellend und johlend rannten sie alle einem einzigen Ball hinterher. Slomo schaute sich das wilde Hin und Her eine Weile aus ihrem Buschversteck an, bis sie seufzend zu dem Schluss kam, dass es ganz offensichtlich kompletter Irrsinn war, wenn so viele Hunde und Kinder einem einzigen Ball hinterher rennen. Seelenruhig ließ sie sich auf einem besonders weichen grünen Wiesenstück nieder, richtete ihren Blick in den Himmel und versank in ihren Wolkenmärchen.zeitlupentempo01Plötzlich wurde sie von einem schniefenden Geräusch aus ihren Träumen gerissen. Sie stellte ihre großen Ohren auf. War da neben dem Schniefen auch noch ein Schluchzen? Bevor sie ihre Augen öffnen konnte, erhielt sie einen sanften Stubser. Mit einem großen Satz, den man ihr gar nicht zugetraut hätte, schnellte sie wie kleiner Gummiball nach oben und landetet direkt neben einem kleinen Mädchen, das ein großes Taschentuch mit lila Punkten in der Hand hielt, um sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen.

Slomo reckte ihren Hals so hoch es ging und schaute das Mädchen an. Nach einer Weile fragte sie: „Wieso weinst Du? Warum tobst Du nicht mit den anderen auf der Wiese? Und wie heißt Du überhaupt?“ „Ich heiße Lisa, und Du?“ „Man nennt mich Slomo, weil ich nicht der schnellsten einer bin.“ Sie grinste breit und rollte sich im Zeitlupentempo durch eine Grasmulde. „Siehst Du! Soooo langsam bin ich und das macht soooooo viel Spaß! Versuch es doch auch mal!“ „Ich kann nicht, ich fühle mich wie aus Blei und kann mich kaum bewegen. Ich schaffe es nicht mal, mit dem Weinen aufzuhören.“ Lisa hatte schon ganz rote und dicke Augen vom vielen Weinen, und immer wieder liefen ihr neue Tränen über das Gesicht. „Was ist denn bloß passiert?“, fragte Slomo und sah sie mit ihren großen, freundlichen Augen an.

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„Ich habe meine beste Freundin verloren“, schluchzte Lisa. „Ich hatte sie so dolle lieb, am meisten von allen, verstehst Du? Sie war meine allerallerbeste Freundin, mit der ich alles, wirklich alles gemeinsam machen konnte.“

Lisa musste sich mächtig anstrengen, weiter zu sprechen. Jetzt flüstere sie fast nur noch. „Stell dir vor, sie ist gestorben. Sie ist einfach weg, tot, nicht mehr da“. Lisa wischte sich die Tränen von ihrer Wange. „Nie wieder werde ich mit ihr auf der Wiese spielen können und danach zu Hause mit ihr Pfannkuchen essen. Ich weiß gar nicht, wie es weitergehen soll ohne sie.“ Lisa hockte sich zu Slomo auf den Boden. Nun sprudelten alle Gedanken kreuz und quer aus ihr heraus. „Wem soll ich jetzt all das erzählen, was ich nur ihr erzählen konnte? Wieso musste sie sterben und nicht ich? Ich konnte noch nicht mal ‚Tschüss‘ sagen und mich von ihr verabschieden. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde und wie es ihr geht. Ob sie mich jetzt sieht?“ Lisas Tränen flossen erneut in Strömen über ihr Gesicht. Zum ersten Mal, seit dem ihre Freundin gestorben war, hatte sie ihre Sorgen ausgesprochen. „Ich kann an nichts Schönes mehr denken. Ich hab es wirklich versucht, es geht einfach nicht, ich muss immerzu nur an sie denken. Ich fühle mich so allein und vermisse sie so sehr.“ Lisa ließ den Kopf hängen, und die Vorstellung, dass ihre Freundin nie wieder kommen sollte, vermischte sich in ihrem Hals zu einem dicken, schweren Kloß, der es ihr fast unmöglich machte, ruhig zu atmen.

Slomo sah nachdenklich in den Himmel, so als ob sie darin lesen konnte, und legte ihr Köpfchen auf Lisas Knie. „Man kann doch keine beste Freundin verlieren! Man kann niemanden wirklich verlieren, den man ganz doll lieb hat! Das ist völlig unmöglich!“

Kapitel 2 / Hoffnungsschimmer