Kekse sind wichtig

Kekse sind wichtig

Ein lautes, grummelndes Geräusch unterbrach die Stille auf der Waldlichtung. „Puuhh“, sagte Slomo und schaute Lisa an „das hört sich aber nach großem Loch im Bauch an. Hast du nichts gegessen?“ Lisa senkte den Kopf. „Nein, heute den ganzen Tag noch nichts!“ „Was?“, rief Slomo entsetzt, „wie kannst du das denn aushalten? Hier!“ Sie kramte wieder nach ihrer blauen Frühstücksbox mit den Butterkeksen. „Greif zu Liebling, iss mal was. Das ist wichtig. Wenn du nichts isst, bekommst du Kopfweh oder dir wird schwindelig. Womöglich kippst du mir noch um. Ich bin viel zu klein, um dich nach Hause tragen zu können. Du kannst gern alle Kekse essen. Ich hab zwar auch Hunger, aber ich hab‘ mir heute Morgen schon eine Scheibe Wurst vom Brötchen des Nachbarjungen gemopst!“ Sie grinste wieder, und bei der Erinnerung an das Wurstbrötchen lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

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„Ich habe Hunger, aber keinen Appetit. Ich frage mich, ob ich jemals wieder einen Pfannkuchen essen kann. Mein Bauch ist wie zugeschnürt. Das macht mir selber Angst. Was soll ich bloß machen?“ Slomo schnupperte wieder an einem Grashalm und danach an den Keksen, schnappte sich einen und schielte unauffällig zu Lisa. Doch sie sah den Keks gar nicht, es schien eher so, als würde sie durch den Keks hindurch sehen.

„Ach Lisa, mein Liebling, das habe ich auch schon erlebt. Einige von den grauen Gedankenwolken sind so groß, dass man nur noch dunkle Gedanken hat. Davon verschwindet der Appetit. Kannst du mir genau beschreiben, wann du diese Angst hast, vielleicht kriegen wir die Angst ein bisschen kleiner.“ Lisa strich sich die Haare aus dem Gesicht und nach einer Weile antwortete sie: „Sie kommt immer dann, wenn ich mit meiner Freundin sprechen oder spielen möchte und ich weiß, dass sie nicht mehr da ist. Ich habe dann das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein, weil sie einfach so verschwunden ist. Genau das macht mir diese Angst.“

Slomo verstand das nur zu gut, sie hatte selber mal eine ihrer besten Freundinnen verloren und wusste, wie es sich anfühlt, wenn man den anderen vermisst.

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„Weißt du, Liebling, manchmal ist es verdammt schwer, mit seiner Angst gut umzugehen. Es kommen wie aus dem Nichts graue Gedankenwolken angesegelt, und schon denkt man, man hat alles verloren. Aber so ist es nicht. Niemand nimmt Dir etwas weg. Sieh mal, Lisa, der Tod ist nicht das Ende einer dicken Freundschaft. Der Tod ist eine Verwandlung in eine andere Form.“

Lisa verstand jetzt gar nichts mehr, das war zu viel für sie.

„Sei mir nicht böse Slomo, das würde ich zu gern glauben, aber das kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Kannst du mir das beweisen?“

Slomo kräuselte wieder ihre kleine Nase. Das war das Zeichen, dass sie sehr scharf nachdachte. Lisa hörte es derweil in ihrem Bauch grummeln. Nach einer Weile sagte Slomo wieder mit dieser sanften Stimme, die sie immer dann hatte, wenn ihr etwas besonders Gutes eingefallen war: „Du hast recht, das ist auch schwer zu verstehen. Am besten ich gebe Dir ein Beispiel, damit du es verstehen kannst. Oder nein, ich weiß was viel Besseres, wir machen einen Versuch. Juhuuu!“ Sie hüpfte vor Freude im Gras auf und ab und Lisa verstand jetzt noch weniger als vorher.

„Ein Versuch zeigt am besten, ob etwas wahr ist oder nicht! Du kannst sogar mitmachen und genau sehen und fühlen, wie ich das meine. Eine herrliche Idee! Komm, wir gehen zu dir nach Hause in eure Küche. Du wirst staunen.“

Slomo rollte in einer unsagbaren Geschwindigkeit die Decke zusammen, stopfte sie samt dem Rest der Kekse in den Baumstamm und zupfte Lisa am Rockzipfel. „Komm“ rief sie „schnapp dir dein Taschentuch und wir machen uns auf den Weg.“ Lisa konnte gar nicht so schnell gucken wie die Sachen im Baumstamm verschwanden. Zutiefst verwundert über Slomos erstaunliche Schnelligkeit setzte sie sich ebenfalls in Bewegung und die beiden wanderten los. Unterwegs hörten sie immer wieder abwechselnd das Grummeln aus ihren Bäuchen und mussten lachen.

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In Lisas Küche angekommen sagte Slomo „ich hab tierischen Hunger, hast du vielleicht noch einen Keks für mich? Und am besten Du ißt auch gleich einen mein Liebling. So ein Versuch fordert viel Aufmerksamkeit und du musst dich konzentrieren.“ Lisa stellte sich auf die Zehenspitzen und fand die Dose mit den Schokoplätzchen. „Oh, wie gut das duftet.“ sagte Lisa und nahm sich einen Keks und schob ihn sich in den Mund. Slomo saß mit weit aufgerissenen Augen auf dem Fussboden „Und ich?? He da, was ist mit mir.. ich verhungere!“ „Oh“ sagte Lisa, „ich hatte auf einmal so grossen Appetit und hab dich total vergessen!“ Sie grinste das erste mal seit langer Zeit, griff erneut in die Keksdose, schnappte sich einen kleinen Teller und legte ein paar Kekse für Slomo darauf.

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„Köstlich!“ rief Slomo.  Sie kicherten beide und schoben sich jeder noch einen Keks in den Mund. „So“ sagte Slomo „wir sind ja leider nicht nur zum Essen hier.“ Sie zog die Mundwinkel runter und verdrehte die Augen. Lisa musste sich anstrengen nicht laut loszulachen. “Wir brauchen einen Topf! Weißt du in welchem Schrank die hier bei euch versteckt sind?“ Lisa erinnerte sich, warum sie überhaupt losgezogen waren und stellte fest, daß sie seit langer Zeit wieder Spaß hatte und sich sogar auf den Versuch freute.

„Klar“, sagte Lisa „ich backe doch so gern Pfannkuchen, ich weiß, wo die Pfanne ist, und da sind auch die Töpfe.“ „Du bist gemein“, sagte Slomo „jetzt fängst du schon wieder vom Essen an.“ Beide kicherten, und Lisa kramte im Schrank einen kleinen Topf aus Metall hervor. „Oh“, rief Slomo, „der passt genau!“ „Das ist auch mein Lieblingstopf“, sagte Lisa, „darin kocht Mama immer Kakao für mich und meine Freundin.“ Im selben Moment wurde ihr klar, was sie da gesagt hatte, und sie wurde unendlich traurig. „Lisa, mein Engel“ sagte Slomo „wir sind doch hier, um rauszukriegen, wieso der Tod nicht das Ende von einer dicken Freundschaft ist, sondern nur eine Verwandlung. Komm, wir fangen jetzt mit unserem Versuch an. Du wirst sehen, wenn wir erst dabei sind, verfliegt deine Traurigkeit. Und wenn wir fertig sind, kochen wir uns einen großen Becher Kakao, einen für dich und einen für mich. Versprichst du mir das?“ Lisa nickte, es war sowieso zwecklos, Slomo etwas abzuschlagen. Slomo war nun ganz in ihrem Element, sie durfte Lisa sagen, was gemacht wird, und musste sich nicht selber bewegen, das war genau das, was sie liebte, wenn Dinge um sie herum passierten und sie absolut gar nichts tun musste.

 

Kapitel 8 / Himmlischer Wasserdampf