Nicht alles ist sichtbar

Man kann nicht Alles sehen oder anfassen was da ist 

 

Slomo war begeistert, endlich konnte sie ihr Wissen weiter geben „Das Wasser wird durch Energie, die in Form von Hitze aus dem Herd durch den Topf kommt, etwas feiner in seiner Struktur. Es ist aber nicht weg, es schaut nur anders aus. Der Professor hat gesagt, jedes Material ändert seine Form, wenn man Energie zum Beispiel in Form von Hitze dazu gibt. Unser Material ist das Wasser. Bei Wasser ist es so, dass es sich in Wasserdampf wandelt, wenn man es erhitzt.“ Lisa staunte und dachte an den Kakao und die Schokolade. Neugierig fragte sie: „Und wie ist das bei Schokolade?“

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Slomo lief das Wasser im Mund zusammen, als sie an einen köstlichen Becher Kakao dachte. „Wenn wir nachher Kakao kochen, dann schmilzt die Schokolade in der Milch. Die Schokolade bröseln wir ja in Stückchen in die Milch. Dann schwimmt sie in der Milch. Erst wenn die Milch warm wird, lösen sich die Schokoladenbrocken durch die Wärme der Milch auf. Sie verbinden sich so mit der Milch, und es entsteht Kakao.“ Lisa strahlte über das ganze Gesicht. Das war ja gar nicht so kompliziert, wie sie sich das vorgestellt hatte. Es schien tatsächlich so zu sein, dass nichts wirklich verschwinden konnte. Sie dachte laut nach: „Wenn die Schokolade weg wäre, dann hätten wir ja nur Milch. Haben wir aber nicht. Wir haben Kakao! Die Schokolade hat also auch ihre Form verändert.“ „Ja, ganz genau!“, rief Slomo von unten. „Du bist ein kluges Köpfchen mein Liebling. Das meine ich mit Veränderung der Form. Schokolade schmilzt, Wasser verdampft, und wenn ein Mensch stirbt, verwandelt sich auch etwas. Erinnerst Du dich, was ich dir vorhin gesagt habe? Der Tod nimmt dir nichts weg. Er ist eine Verwandlung in eine andere Form!“ Lisa dachte angestrengt nach und versuchte Slomo zu folgen. „Ist es mit den Menschen genauso wie mit dem Wasser oder dem Kakao?“ „Es ist das gleiche Prinzip. Der Tod ändert die Form des Körpers, aber der Tod nimmt dir die Liebe zu dem Menschen nicht weg.“ Lisas Gedanken kreiselten, sie wischte den Wasserdampf aus dem Gesicht. Der Tag war ganz schön anstrengend, aber es tat ihr unendlich gut, dass sie so viele Antworten auf ihre Fragen bekam. Ihre Angst war viel kleiner geworden, sie hatte sich auf wundersame Weise im Laufe des Tages in Neugier verwandelt, und nun wollte Lisa genau wissen, was es mit dieser Verwandlung auf sich hat. Sie fragte: „Ist es so, dass wir alle aus einem Körper mit Liebe darin bestehen?“

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„Du sagst es!“, rief Slomo begeistert „Der Mensch und natürlich auch wir Tiere bestehen nicht nur aus einer festen Form, den man Körper nennt, sondern auch aus ganz viel Liebe. Das ist sozusagen eine Energie, die in jedem Körper sitzt!“ Lisa erinnerte sich an ihr Blatt Papier mit den beiden Herzen. „Aah! Deswegen malen wir die Liebe als Herz? Weil das Herz in der Mitte vom Körper sitz, damit die Liebe schnell überall hin kann?“ „Du bist gut“, rief Slomo erstaunt von unten, „du denkst mit! Jetzt hast Du auch verstanden, dass nur der Körper sich auflöst, wenn ein Mensch oder ein Tier stirbt, nicht aber die Liebe.“ „Weil sie Energie ist und kein Material?“, fragte Lisa gespannt. „Genau so ist das! Die Liebe ist immer noch da, auch wenn der Körper sich auflöst. Du konntest die Liebe ja vorher auch nicht sehen oder anfassen. Was man nicht sehen und anfassen kann, was aber trotzdem da ist, das kann auch nicht verschwinden.“ Lisa hockte sich nach unten zu Slomo. „Ist der Tod dann eine Art Energie, der die Form der Menschen verwandelt?“ „So kannst du dir das vorstellen!“, sagte Slomo leise. „Weißt du, der Tod ist nichts Böses, er nimmt dir nichts weg. Er kann Formen verwandeln, so dass sie sich auflösen und man sie danach nicht mehr sehen kann.

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Er ist wie alles andere im Leben auch eine Erfahrung, bloß keiner kommt danach zurück.“ „Wieso eigentlich nicht?“, fragte Lisa. „Ich vermute, weil es im Himmel viel schöner ist als hier auf der Erde!“ Slomo grinste breit. „Sonst wären sie doch alle schon wieder hier auf der Matte! Weißt du Lisa, Sterben ist für mich nicht das Ende vom Leben. Ich sehe den Tod eher wie eine Reise zu einer bestimmten Zeit in einen anderen Raum. Bei dieser Reise lässt die Seele den Körper los. Zur Liebe kannst du auch Seele sagen. Die Seele tauscht die Räume und kann davon fliegen, der Körper bleibt zurück und löst sich auf, denn ohne Seele kann er nicht leben.“ Lisa wurde langsam klar, was Slomo da gesagt hatte. Sie hatte eine ganz andere Vorstellung vom Sterben und vom Tod gehabt. „Ich hab immer gedacht, der Tod ist wie ein dunkler Ort, wo es kalt und dunkel ist.“ „Oh nein, mein Liebling, der Tod ist dazu da, dass wir alle hier lernen, was Vergänglichkeit ist, aber er ist nicht schlimm. Schlimm ist das Gefühl von dem, was du dir vorstellst, was er sein könnte. Wenn du ihn dir als Gespenst vorstellst, was nachts unter deinem Bett liegt und darauf wartet, dass du einschläfst, um dich aus dem Fenster zu tragen, ist das wie Geisterbahn. Wenn Du ihn Dir aber als warme Reise ins Licht vorstellst, wo keiner kalte Füße hat, dann ist er schön, oder?“

Lisa fiel ein großer Stein vom Herzen und ihre tiefe Traurigkeit war auf einmal verschwunden. An dieser Stelle saß in ihren Gedanken nun ein kleines warmes und weiches Gefühl, was sich nicht mehr so schrecklich anfühlte wie ein Gespenst, sondern die Gestalt einer kleine freundliche Flamme annahm, die alles warm hielt. Für einen Moment fragte sich Lisa, ob sie träumte oder wirklich in der Küche stand. Sie stand auf und schaute nach dem Wasser. Alles war noch da, der Topf, die Keksdose und auch Slomo. „Das Wasser ist schon fast zur Hälfte weg! Wo ist das alles hin, es müsste doch jetzt hier über uns schweben?“

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„Je mehr Wasser verdunstet, desto schwieriger wird es, das Wasser zu sehen. Es hat keine feste Form mehr. Du siehst zwar den Wasserdampf, wenn er aus dem Topf nach oben steigt, aber oben an der Decke siehst du ihn schon nicht mehr. Er ist wie Nebel! Du kannst ihn fühlen! Reib mal die Hände aneinander!“ Lisa faltete die Hände und rieb sie langsam aneinander. Es wurde warm und feucht. Sie versuchte, mit der rechten Hand mit einem großen Schwung eine Wolke von dem Wasserdampf zurück in den Topf zu drücken, aber der Dampf stiegt sanft durch ihre Finger nach oben. „Das klappt nicht, Slomo! Der Dampf lässt sich nicht einfangen, er ist viel zu leicht und fein, aber er ist schön warm! Ist das bei meiner Freundin auch so gewesen, als sie gestorben ist?“ Slomo lehnte sich zurück und schaute Lisa liebevoll an. „Sicher, mein Liebling, wenn ein Mensch stirbt, ist es warm und ein sanftes helles Licht holt dich ab!“

 Kapitel 9 / Hand auf´s Herz