Nichts geht verloren

Aus dem Herzen geht nichts verloren

 

Lisa kletterte flink auf den Küchenstuhl und öffnete ein Fenster nach dem anderen. Sie war gespannt, was jetzt passieren würde. Langsam verschwand der Nebel aus der Küche, die Tropfen am Fenster wurden weniger. Wenn sie genau hinsah, konnte sie beobachten, wie der Dampf aus dem Fenster schwebte, bis er nach ein paar Zentimetern nicht mehr zu sehen war. Die beiden standen vor den weit geöffneten Fenstern und Slomo sagte in ihrer ruhigen und sanften Art: „Der Wasserdampf hat sich durch die offenen Fenster einen Weg in den Himmel gesucht. Er ist nicht weg, du kannst ihn bloß nicht mehr sehen. Er schwebt ganz fein nach oben. Wenn er verschwunden wäre, wäre er ja vorher, als die Fenster geschlossen waren, auch weg gewesen – war er aber nicht! Du konntest den Wasserdampf als Tropfen am Fenster sehen, weil die Fenster verschlossen waren, richtig?“

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Lisa lächelte und sah Slomo erleichtert an. „Du hast schon wieder recht! Es geht nichts verloren und nichts ist wirklich weg. Ich kann es bloß nicht immer sehen, weil es sich in so kleine Teilchen verwandelt, dass mein Auge die nicht erkennen kann. Genauso ist es auch mit der Verbindung zu meiner Freundin. „Jaaaa, du hast es verstanden, super! Du bist so tapfer und hast die ganze Zeit mitgemacht, obwohl du anfangs so traurig warst. Du hast mir zugehört und sogar mitgeholfen. Ich bin so stolz auf dich, mein Liebling.“ Slomo schlängelte sich zwischen Lisas Beine und schmiegte ihr Köpfchen an. „Geht es jetzt ein kleines bisschen besser?“ Lisa kniete sich zu Slomo nach unten und hob sie auf ihren Schoss. „Es geht mir viel, viel besser! Es fühlt sich in mir nicht mehr so leer an. Da, wo vorher nichts war, spüre ich ganz deutlich, dass meine Freundin mich lieb hat, obwohl ich sie nicht sehen kann. Ich fühle mich nicht mehr allein, es fühlt sich das erste Mal seit Tagen richtig gut an.“ „Ach, das freut mich riesig für dich, mein Liebling.“ Slomo war glücklich und sagte leise:

„Wenn ein Mensch stirbt, zum Beispiel weil er schon viele Jahre gelebt hat und sein Körper schon ganz müde und langsam geworden ist oder weil er einen Unfall hatte und sein Körper bei dem Unfall kaputt gegangen ist, dann fliegt die Seele mit der Liebe dieses Menschen aus seinem Körper nach oben in den Himmel. Das kannst du dir so vorstellen wie eine Tür zum Himmel, wo man leicht wie eine Feder hindurch schwebt. Die Seele ist nicht weg, sie wechselt nur den Raum, verstehst du das?“

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Lisa legte den Kopf schief und Slomo sprach weiter: „Genauso wie das Wasser aus dem Topf als Wasserdampf in den Himmel steigt, so steigen die Seele und die Liebe eines Menschen in den Himmel. Wenn du dich allein fühlst und merkst, dass du traurig wirst, dann schau auf dein Bild und leg dir deine Hände auf dein Herz! Das hilft immer!“ Lisa horchte in sich rein. „Mein Herz wird erst ganz schwer, weil ich sie so sehr vermisse. Wenn ich dann in den Himmel schaue, weiß ich, dass sie da oben ist, und schon wird mein Herz warm und leicht. Es fühlt sich fast an wie eine warme, weiche Welle, wenn ich meine Hand darauf lege!“

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„Genau Liebes, und was siehst du jetzt in deinem Herzen? Schließ mal kurz die Augen und schau nach.“ „Ich sehe ganz viele schöne Erinnerungen! Als wir fröhlich über die Wiesen getobt sind, im Wasser geplanscht haben oder als wir zusammen Pfannkuchen gegessen haben.

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Mein Herz wächst auf seltsame Weise mit jeder Erinnerung. Ich fühl mich nicht mehr allein gelassen. Ich weiß jetzt, dass meine Freundin auf mich aufpasst und immer in meinem Herz wohnt, und was in meinem Herzen ist, kann mir keiner wegnehmen.“ Slomo war unheimlich stolz auf Lisa. Bei Lisas Erinnerungen an Pfannkuchen hatte Slomo ein Bild vor ihrem inneren Auge, das ihr das Wasser im Mund zusammen lief. Sie dachte an Pfannkuchen mit Sirup, solche Pfannkuchen, die so richtig schön kleben, wenn man sie isst, wenn sie noch warm sind. Slomo riss sich zusammen und sagte Lisa nichts von ihren Pfannkuchen-Gedanken, war sich aber ziemlich sicher, dass sie gute Karten hatte, heute mit Lisa noch welche zu machen und sich so richtig den Bauch vollzuschlagen nach dem anstrengenden Tag. Doch vor dem Essen sollte Lisa noch ein paar Notizen aufschreiben, die wichtigsten Erkenntnisse, damit Lisa es leichter haben würde, sich zu erinnern, wenn Slomo nicht in der Nähe war.

Kapitel 11 / Notizen für die Seele