Trotzdem da

Wie kann etwas da sein, obwohl es weg ist? 

„Los, steh mal auf!“ Slomo zog an einem Zipfel der Decke. „Was ist denn jetzt los, Slomo? Was willst du mit der Decke?“ „Ich? Gar nichts. Du bist dran!“ Slomo kicherte wieder. „Du nimmst dir jetzt einfach mal die Decke und verschwindest darunter.“ Lisa war gespannt wie ein Flitzbogen, was Slomo jetzt wieder vorhatte, und krabbelte flugs unter die Decke, bis sie nicht mehr zu sehen war. „Und? Bist du jetzt weg?“, fragte Slomo. „Witzbold! Natürlich nicht“, tönte es unter der Decke hervor „ich bin noch da. Wo sollte ich denn sonst sein?“ Lisa ging ein Licht auf. Jetzt verstand sie, was Slomo meinte. Sie war für alle anderen, die nicht unter der Decke lagen, nicht zu sehen, aber sie war trotzdem da. „Uiijuiiijuii“, witzelte Slomo „das ist ja ganz unglaublich. Du bist also da, aber ich kann dich nicht sehen – wie kann das sein?“

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„Naja, natürlich weil ich unter der Decke liege!“ Lisa lugte aus ihrem Versteck hervor. „Jetzt weiß ich, wieso ich drunter krabbeln sollte. Mit dem Himmel ist es nämlich genauso! Irgendwann verziehen sich die Wolken wieder, und dann kann ich den Himmel wieder sehen.“ Mit einem großen Schwung zog Slomo Lisa die Decke weg und schaute sie an. „Du siehst: Es gibt keinen Tag ohne den Himmel, auch wenn du ihn nicht immer sehen kannst. Alles klar?“ „Ja, alles klar. Trotzdem bin ich immer noch traurig und fühle mich allein!“ „Jetzt warte doch mal ab, Liebes, wir sind doch noch nicht fertig.“ Slomo legte behutsam ihre linke Vorderpfote auf Lisas Hand. Sie ist so tapfer, dachte Slomo bei sich und war richtig stolz auf ihre neue Freundin. In der kurzen Zeit, seitdem sie sich hier auf der Wiese begegnet waren, hatte Slomo das zierliche Mädchen sehr lieb gewonnen. Und so war es ihr Herzenswunsch, Lisa wieder lachen zu sehen. Sie gab sich die allergrößte Mühe, alles so zu erklären, dass diese tiefe Traurigkeit aus Lisas Gedanken verschwinden möge. So fragte sie Lisa: „Was malst du, wenn du die Liebe malen möchtest?“ „Ein Herz!“ rief Lisa spontan, „in Rosa oder in Rot oder beide Farben, das leuchtet so schön!“

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„Sehr schön! Das kann ich mir gut vorstellen!“ rief Slomo begeistert, „und wieso malst du ein Herz?“ „Man Slomo, weil die Liebe ihren Platz doch im Herzen hat …!“ Lisa verstummte für den Bruchteil einer Sekunde, dann machte es urplötzlich Klick in ihrem Kopf, und nun sprudelte es aus ihr hervor „Deswegen hast du am Anfang gesagt, jeder Mensch hat ein Stück Himmel im Herzen, oder?“ Slomos Grinsen ging jetzt fast einmal um ihren gesamten knautschigen Kopf herum. „Du bist so schlau, mein Liebling! Genau so ist das. Dein Herz mit der Liebe darin ist diese unsichtbare Verbindung zum Himmel. Sie verbindet alles mit allem, und deswegen verbindet sie dich auch mit deiner Freundin. Du kannst sie nicht sehen und du kannst sie nicht anfassen, leider. Aber du kannst sie fühlen. Zum Beispiel wenn dein Herz einen kleinen Hüpfer macht oder wenn es warm und weich wird.“

„Aber jetzt hüpft es ja nicht mehr, weil meine Freundin nicht mehr da ist.“ Slomo sprang zurück auf die Decke und kuschelte sich ganz dicht an Lisa „Erinnere Dich, was wir gerade zusammen herausgefunden haben. Die Wolken, die versperren die Sicht auf den Himmel, aber der Himmel ist trotzdem da. Unter der Decke bist Du für die anderen nicht zu sehen, aber du bist trotzdem da. Genauso verhält es sich mit der Liebe von dir und deiner Freundin. Die Traurigkeit versperrt dir den Zugang zu deinem liebevollen Gefühl. Die Liebe ist aber trotzdem da.“ Slomo betrachtete Lisa aus dem Augenwinkel, um sicher zu sein, dass sie ihr gedanklich folgte. „Die Traurigkeit ist nichts anderes als graue Gedankenwolken, die sich manchmal bilden. Wenn die angesegelt kommen, dann fühlst du in dem Moment die Liebe nicht mehr, weil sich kleine dunkle Wolken in dein Herz geschummelt haben. Die Liebe verschwindet aber nicht, wenn Du traurig bist. Du denkst nur, dass sie weg ist, aber das ist sie nicht. Du fühlst sie in dem Moment nur nicht mehr.“

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„Ganz so wie die Wolken, die mir die Sicht auf den Himmel nehmen, so nimmt mir die kleine Wolke in meinem Herz die Sicht auf die Liebe?“, fragte Lisa. „Genau! Die Liebe ist die Verbindung von dir zu deiner Freundin, die kann dir keiner wegnehmen, weder eine Wolke, noch der Tod. Die Liebe bleibt immer in deinem Herzen, aber an einigen Tagen fühlt es sich traurig und leer an, aber die Liebe verlässt dich nicht. Genau so wenig, wie der Himmel von einem auf den anderen Tag verschwinden kann, kann auch die Liebe nicht einfach verschwinden.“ „So hab ich das noch nie gesehen.“ Lisa war verwundert. Ein leises Glücksgefühl stieg in ihr hoch. Dann war sie ja niemals allein! Aufgeregt fühlte sie, wie auf einmal bunte Kugeln aus Leuchtfarben ihr Herz wärmten. Sie sah die schillernden Kugeln in allen Farben tanzen und ab und zu sprühten ein paar feine silberne Funken wie Sternchen von ihnen ab. Sie nahm Slomo fest in ihre Arme. „Das ist toll“ flüsterte Lisa gedankenversunken „so bin ich nie allein.“

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„So ist es!“ antwortete Slomo wieder in ihrer sanften Stimme. „Die Liebe in deinem Herz passt auf dich auf, genau wie der Himmel, der über alles wacht, was hier unten auf der Erde passiert.“

Kapitel 6 / Flugunterricht